Ruco Farben, ein Schweizer Hersteller von Fassadenfarben und Dispersionsfarben, bewirbt auf seiner Website Qualitäts- und Umweltmanagement als zentrale Säulen der Unternehmensphilosophie. Zertifizierungen nach ISO 9001 und ISO 14001 werden genannt, ebenso wie Engagement für schadstoffarme Produkte und Recycling. Doch wie viel Substanz steckt hinter diesen Versprechen – und wo enden konkrete Maßnahmen, wo beginnt Greenwashing?
Zertifizierungen: Standard oder Ausnahme?
Ruco verweist auf die ISO 9001-Zertifizierung für Qualitätsmanagement sowie ISO 14001 für Umweltmanagement. Beide Normen sind im europäischen Farben- und Lacksektor weit verbreitet und gelten als Mindeststandard für Betriebe, die auf B2B-Ebene agieren. Caparol, Brillux und Keim Farben führen diese Zertifikate ebenfalls – oft ergänzt um EPDs (Umweltproduktdeklarationen) und Cradle-to-Cradle-Siegel. Ruco nennt auf der Qualitäts- und Umweltseite keine weiterführenden Deklarationen oder Produkt-Ökobilanzen.
ISO 14001 verpflichtet Unternehmen zu einem systematischen Umweltmanagementsystem, verlangt jedoch keine absoluten Grenzwerte für Emissionen oder Rohstoffeinsatz. Betriebe können die Norm erfüllen, ohne messbar weniger Lösemittel oder Wasser zu verbrauchen – solange sie kontinuierliche Verbesserung dokumentieren. Konkrete Reduktionsziele oder veröffentlichte Kennzahlen – etwa zu Lösemittel-Emissionen, CO₂-Bilanz oder Recyclingquoten – fehlen in der öffentlichen Kommunikation von Ruco.
Low-VOC und schadstoffarm: Was bedeutet das in der Praxis?
Ruco bewirbt einzelne Produktlinien als "schadstoffarm" und "lösemittelreduziert". Solche Formulierungen sind im Malerhandwerk üblich, doch selten standardisiert. Die europäische Decopaint-Richtlinie (2004/42/EG) legt Höchstwerte für flüchtige organische Verbindungen (VOC) fest – für Innenwandfarben der Kategorie A/a gelten maximal 30 g/l. Viele Hersteller unterschreiten diesen Wert deutlich, kommunizieren jedoch unterschiedlich transparent.
Wer konkret wissen will, wie viel VOC eine Grundierung oder Lasur enthält, findet in technischen Datenblättern oft Angaben – bei Ruco sind diese Dokumente auf der Website nicht zentral verlinkt oder durchsuchbar. Im Vergleich: Keim Farben und Sto SE bieten zu vielen Produkten detaillierte technische Merkblätter mit VOC-Werten, Verarbeitungshinweisen und Sicherheitsdatenblättern zum Download an.
Die Bezeichnung "lösemittelreduziert" ist rechtlich nicht geschützt. Ein Produkt mit 25 g/l VOC ist zwar deutlich unter dem Grenzwert, kann aber mehr Lösemittel enthalten als Wettbewerbsfarben mit unter 5 g/l. Ohne absolute Zahlen bleibt der Umweltnutzen schwer bewertbar.
Ressourcen und Kreislaufwirtschaft: Mehr Absichtserklärung als Messgröße
Ruco nennt Engagement für Recycling und den schonenden Umgang mit Rohstoffen. Konkrete Programme – etwa zur Rücknahme leerer Gebinde, Wiederverwendung von Produktionsabfällen oder Einsatz von Rezyklaten – werden nicht beschrieben. Auch fehlt eine Bilanzierung des Anteils nachwachsender oder sekundärer Rohstoffe im Produktportfolio.
Zum Vergleich: Brillux betreibt seit Jahren ein Rücknahmesystem für Farbeimer und publiziert Recyclingquoten. Caparol veröffentlicht jährliche Nachhaltigkeitsberichte mit Kennzahlen zu Energie, Wasser und Abfall. Ruco hat nach aktuellem Stand keine vergleichbaren Dokumente öffentlich zugänglich gemacht.
Die Frage, ob Ruco bilanziell mehr Ressourcen schont als Wettbewerber, lässt sich ohne transparente Daten nicht beantworten. Auch die Integration in branchenweite Initiativen – etwa den Verband Schweizerischer Lack- und Farbenfabrikanten (VSLF) oder die European Coatings Show – ist auf der Website nicht dokumentiert.
Transparenz und Kommunikation: Wo bleibt der Nachweis?
Moderne Unternehmenskommunikation im Nachhaltigkeitsbereich folgt zunehmend Standards wie der Global Reporting Initiative (GRI) oder dem Deutschen Nachhaltigkeitskodex. Diese verlangen messbare Ziele, Indikatoren und regelmäßige Berichterstattung. Ruco verzichtet auf solche Formate – stattdessen bleiben die Aussagen auf der Website allgemein und qualitativ.
Das ist kein Einzelfall: Viele kleinere und mittlere Farbenhersteller in der Schweiz und Österreich publizieren weniger umfassend als deutsche Großkonzerne. Dennoch setzen sich zunehmend auch regionale Betriebe mit EPD-Deklarationen oder Carbon-Footprint-Analysen auseinander, etwa KABE Farben oder Synthesa Chemie.
Wer als Malerunternehmen oder öffentlicher Auftraggeber Lieferanten nach ökologischen Kriterien auswählen will, benötigt vergleichbare Daten. Ruco bietet diese bislang nicht systematisch an. Das bedeutet nicht zwingend, dass die Produkte umweltschädlicher sind – aber die Nachweisbarkeit bleibt unter dem Branchenstandard.
Einordnung: Wo steht Ruco im Marktvergleich?
Im Schweizer Markt konkurriert Ruco mit Anbietern wie KABE Farben und Akzo Nobel Schweiz, die teils internationalen Nachhaltigkeitsstandards folgen. Der Trend zu nachhaltigen Beschichtungen und Low-VOC-Materialien trifft auch kleinere Hersteller: Zunehmend fordern Architekten, Generalunternehmer und öffentliche Vergabestellen EPDs, VOC-Nachweise oder Cradle-to-Cradle-Zertifikate.
Ruco bewegt sich in einem Spannungsfeld: Einerseits verlangt die ISO 14001-Zertifizierung kontinuierliche Verbesserung, andererseits bleibt unklar, ob diese Verbesserung über das gesetzliche Minimum hinausgeht. Auch die Frage, ob Ruco aktiv in Forschungsprojekte zu biobasierten Bindemitteln, CO₂-reduzierten Pigmenten oder wasserbasierten Lacksystemen involviert ist, lässt sich aus der öffentlichen Kommunikation nicht beantworten.
Was Praktiker daraus machen können
Für Malerbetriebe, die Nachhaltigkeitskriterien in der Produktauswahl verankern wollen, ergeben sich konkrete Handlungsempfehlungen:
Erstens: Technische Datenblätter und Sicherheitsdatenblätter aktiv anfordern. Nur dort stehen verbindliche VOC-Werte, Lösemittelgehalte und Verarbeitungshinweise. Pauschale Marketing-Aussagen ersetzen keine Fakten.
Zweitens: Bei Ausschreibungen gezielt EPDs und Umweltproduktdeklarationen verlangen. Viele öffentliche Bauherren in Deutschland, Österreich und der Schweiz bewerten Angebote nach Ökobilanzkriterien – wer nur Hersteller ohne EPD anbietet, wird benachteiligt.
Drittens: Vergleichen lohnt sich. Produkte mit vergleichbarer Leistung (Deckkraft, Nassabriebfestigkeit, Lichtechtheit) können unterschiedlich hohe Umweltlasten haben. Wer systematisch vergleicht, kann CO₂ und Kosten senken – ohne Kompromisse bei der Qualität.
Fazit: Substanz oder Symbolik?
Ruco Farben erfüllt Standardzertifizierungen und kommuniziert Umweltbewusstsein – doch messbare Nachweise, veröffentlichte Ziele oder vergleichbare Kennzahlen fehlen weitgehend. Das unterscheidet das Unternehmen nicht grundsätzlich von vielen regionalen Anbietern, setzt es aber unter Druck in einem Markt, der zunehmend Transparenz verlangt. Wer Qualität und Umweltversprechen ernst nimmt, muss sie auch messbar machen – sonst bleibt der Verdacht, dass Marketing und Realität auseinanderklaffen.
Für Praktiker bedeutet das: Nicht auf Versprechen verlassen, sondern Daten einfordern. Nur so lässt sich beurteilen, ob ein Produkt wirklich "grün" ist – oder nur grün angestrichen wurde.