Die Schweizer Lack- und Farbenindustrie sieht sich zunehmend unter Druck. Das machte der Verband der Schweizerischen Lack- und Farbenindustrie (VSLF) auf seiner Generalversammlung 2026 deutlich. Die Branche kämpft mit geopolitischen Spannungen, steigenden Rohstoffpreisen und einem anhaltend schwachen Bauumfeld – eine Gemengelage, die Hersteller von Fassadenfarbe und Dispersionsfarbe gleichsam trifft.

Mehrfachbelastung trifft die Branche auf breiter Front

Die VSLF-Mitglieder berichten von einer spürbaren Nachfrageschwäche im Bausektor. Besonders das Segment der thermischen Sanierung stagniert, obwohl die Schweiz mit dem Gebäudeprogramm CH seit Jahren Fördergelder für Wärmedämm-Verbundsysteme bereitstellt. Der erwartete Modernisierungsschub ist ausgeblieben, Baugenehmigungen entwickeln sich seitwärts. Für Hersteller von Beschichtungen im Fassaden- und Dämmbereich schrumpft damit ein zentrales Absatzsegment. Die Krise erinnert an die Lage der österreichischen Lackindustrie, die ebenfalls mit ähnlichen Belastungen zu kämpfen hat.

Parallel dazu verschärfen sich regulatorische Anforderungen. Die EU-Regelungen zu flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) werden sukzessive strenger, auch wenn die Schweiz nicht EU-Mitglied ist, orientieren sich Hersteller an den Richtlinien, um auf Export-Märkten wettbewerbsfähig zu bleiben. Das erfordert Investitionen in Rezeptur-Entwicklung und Produktionsanlagen – in einer Phase, in der die Auftragslage wenig Spielraum lässt. Der Druck auf nachhaltige Beschichtungen mit niedrigem VOC-Anteil steigt, während sich die Margen der Hersteller verengen.

Rohstoffpreise und Logistikkosten bleiben volatil

Ein wesentlicher Treiber der Krise sind die Rohstoffmärkte. Die Preise für Titandioxid, Bindemittel und Lösemittel schwanken seit 2022 erheblich, eine belastbare Planbarkeit ist kaum möglich. Die Verbandsvertreter hoben auf der Generalversammlung hervor, dass die Weitergabe gestiegener Einkaufspreise an Verarbeiter und Handel nur eingeschränkt gelingt. Im Vergleich zu 2020 liegen die Rohstoffkosten für viele Grundstoffe im zweistelligen Prozentbereich höher, während die Endkundenpreise im Malerhandwerk unter Druck stehen. Die Schere öffnet sich zu Lasten der Hersteller.

Hinzu kommen Logistikengpässe. Der Transport über die Alpen ist kapazitätsbeschränkt, alternative Routen erhöhen die Frachtkosten. Lieferzeiten, die vor drei Jahren bei zwei Wochen lagen, dehnen sich in Spitzenzeiten auf vier bis sechs Wochen aus. Für Maler- und Fassadenbetriebe, die auf Termintreue angewiesen sind, bedeutet das zusätzliche Unsicherheit. Der VSLF fordert hier eine stärkere politische Unterstützung, um Infrastruktur-Engpässe zu entschärfen.

Strategien des VSLF: Kooperation und Innovation

Der Verband setzte auf der Generalversammlung 2026 mehrere strategische Schwerpunkte. Ein zentraler Punkt ist die verstärkte Zusammenarbeit mit Fachverbänden des Malerhandwerks und der Baubranche. Gemeinsame Aufklärungskampagnen sollen die Vorteile energetischer Sanierung und hochwertiger Beschichtungssysteme wieder stärker in den Fokus rücken. Parallel dazu will der VSLF den Dialog mit politischen Entscheidungsträgern intensivieren, um Förderprogramme nachzuschärfen und Investitionshemmnisse abzubauen.

Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf Innovation. Der Verband betont, dass Grundierungen und Lasuren mit verbesserter Ökobilanz zwar Entwicklungskosten verursachen, aber langfristig Wettbewerbsvorteile sichern. Mehrere VSLF-Mitglieder arbeiten an Low-VOC-Formulierungen und biobasierten Bindemitteln. Die Generalversammlung signalisierte die Bereitschaft, in Forschungskooperationen zu investieren, trotz der aktuellen Marktlage.

Parallelen zu Österreich und Deutschland

Die Krise der Schweizer Lackindustrie ist kein isoliertes Phänomen. In Österreich belasten geopolitische Spannungen die Lackindustrie ebenfalls erheblich. Auch dort klagen Hersteller über volatile Rohstoffmärkte, schwache Baunachfrage und politische Unsicherheit. In Deutschland wiederum spüren Anbieter von Brillux, Caparol und Keim Farben den Druck steigender Energie- und Personalkosten. Die drei Märkte sind eng verzahnt, Lieferketten und Vertriebsstrukturen greifen ineinander. Was die Schweizer Branche belastet, wirkt sich rasch auch auf deutsche und österreichische Produzenten aus.

Fachkräftemangel als zusätzliche Bremse

Neben den direkt marktbezogenen Faktoren kämpft die Schweizer Lackindustrie mit einem strukturellen Problem: Fachkräfte im Bereich Formulierung, Qualitätskontrolle und Anwendungstechnik sind rar. Der VSLF verwies auf der Generalversammlung darauf, dass Ausbildungskapazitäten nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken. Gleichzeitig fehlen im Malerhandwerk Nachwuchskräfte, die mit modernen Beschichtungssystemen vertraut sind. Das bremst die Marktdurchdringung innovativer Produkte – selbst wenn diese technisch verfügbar sind. Der Fachkräftemangel und digitale Ausbildungsmodelle werden auch in Deutschland und Österreich als Hemmnis wahrgenommen, doch in der Schweiz verschärft der kleinere Arbeitsmarkt die Lage zusätzlich.

Ausblick: Konsolidierung oder Stabilisierung?

Die VSLF-Generalversammlung 2026 zeichnete kein rosiges Bild. Die Branche sieht sich in einem schwierigen Umfeld, das sich kurzfristig kaum aufhellen wird. Der Verband rechnet frühestens 2027 mit einer spürbaren Erholung, sofern sich das Bauumfeld stabilisiert und Förderprogramme greifen. Bis dahin dürften weitere Konsolidierungen am Markt nicht auszuschließen sein. Kleinere Hersteller ohne breites Portfolio oder Export-Absatz geraten unter Druck, strategische Allianzen oder Übernahmen rücken in den Bereich des Möglichen.

Für Maler- und Lackierbetriebe bedeutet die Krise der Hersteller konkret: Lieferzeiten bleiben volatil, Preiserhöhungen sind wahrscheinlich, und die Verfügbarkeit von Spezial-Produkten kann sich verschlechtern. Wer heute Projekte plant, sollte Materialverfügbarkeit und Lieferfristen frühzeitig klären. Gleichzeitig bietet die Fokussierung vieler Hersteller auf nachhaltige Rezepturen auch Chancen – wer sich mit Low-VOC-Systemen und hochwertigen Fassadenfarben positioniert, kann von steigender Nachfrage nach Öko-Zertifizierungen profitieren.

Die VSLF-Generalversammlung 2026 machte klar: Die Schweizer Lackindustrie steht unter erheblichem Druck, aber der Verband setzt auf Kooperation, Innovation und politischen Dialog, um die Branche durch die Krise zu steuern. Ob das ausreicht, wird sich in den nächsten zwei Jahren zeigen.

Quellen